Wieder auf der Höhe
„Mein Leben hatte Höhen und Tiefen. Am Anfang hieß es, du kannst nichts und du bist nichts. Heute mache ich eine Arbeit, die mich ausfüllt, eine Arbeit von der ich gerne erzähle“, resümiert die 25-jährige Altenpflegerin Susanna Luderer. „Im FSJplus habe ich gelernt, an mich selber zu glauben, dass ich was kann. Auch wenn es schwer war, ohne es wäre ich nicht die, die ich heute bin.“
Wie viele FSJplus Freiwillige am Anfang ihres Dienstes, hatte auch Susanna Luderer seit ihrer Schulzeit bereits eine längere Wegstrecke hinter sich. Eigentlich wollte sie Programmiererin werden, doch ihr Hauptschulabschluss wurde bei den entsprechenden Firmen nicht akzeptiert. In ihrer ersten Ausbildung versuchte sie sich deshalb als Drogistin im Einzelhandel: „Das war ein Muss bei meinem Abschluss. Ich habe da halt ein Bewerbungsgespräch bekommen und es gemacht, weil es nichts anderes gab. Zugegeben, ich war auch ein bisschen bewerbungsfaul.“ Schließlich brach die junge Frau die Ausbildung ab. Zu Hause erfuhr sie deswegen viel Unverständnis und wenig Rückhalt. Im berufsvorbereitenden Jahr erzählte ihr eine Mitarbeiterin vom FSJplus. „Von alleine wäre ich nie darauf gekommen, dass ich mal Altenpflegerin werden könnte, 'Hintern abwischen' war das gängige Vorurteil unter meinen Freunden und Bekannten.“
Die erste Woche als Freiwillige in der Einsatzstelle war dennoch für sie schockierend. „Wunden, Stuhl, Waschen - die Arbeit hat mich anfangs wirklich Überwindung gekostet." Aber das Team der Einsatzstelle hat sie gestützt und schließlich entdeckte sie ihre Freude an der Arbeit. Die Einrichtung war von da an Suanne Luderers Wohnung und Familie. "Die kannten meine ganze Geschichte und haben mich immer wieder aufgefangen. Wenn ich in der Schule war, tat es mir immer leid, dass ich während dieser Zeit nichts von meiner Einsatzstelle mitbekommen habe.“ Das FSJplus empfand sie als gute Vorbereitung auf ihre Ausbildung, die sie anschließend im gleichen Pflegeheim absolvierte. „Ich war mir einfach bei vielem, was ich tun musste, deutlich sicherer. Das galt sogar für die Prüfungssituationen am Ende.“ Susanna Luderer bestand das Examen und wurde danach trotz eines offiziellen Einstellungsstopps vom Pflegeheim übernommen. Nach fast sechs Jahren hat sie nun die Arbeitsstelle gewechselt – ein schwieriger Abschied nach der langen Zeit. Aber die neue Stelle im Gradmann-Haus, einer Einrichtung für demenziell Erkrankte in Stuttgart-Kaltenbach, ermöglicht es ihr stärker als bisher als Pflegekraft sowohl „auf den ganzen Menschen einzugehen“ als auch „als ganzer Mensch gefordert zu sein.“ Denn jeden Tag passiert etwas Neues. Die Demenz der Bewohnerinnen und Bewohner, ihr herausforderndes Verhalten, verhindere eine Erstarrung der Arbeitsabläufe in Routine, meint Luderer. Gleichzeitig würden die Seniorinnen und Senioren viel zurückgeben „Wenn sie dankbar sind oder sich freuen, sind das unmittelbare, unverstellte Reaktionen. Das finde ich faszinierend." Menschen mit fortgeschrittener Demenz hätten viele gesellschaftliche Konventionen und Zwänge schlicht vergessen. Dafür beneide sie diese manchmal. Hin und wieder denkt die junge Altenpflegerin ans Auswandern, zumindest für ein oder zwei Jahre, vielleicht nach Gran Canaria. Heute Abend beginnt zumindest mal der Spanischkurs.
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