Zivi sein - ein spannender Job
Obdachlose betreuen, Kinder zur Schule fahren, Hecken schneiden oder alten Menschen beim Essen helfen. Zivi sein bei der Diakonie, das ist ein spannender Job. Drei Zivildienstleistende berichten von ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen als Zivis, die sie nicht mehr missen möchten.
"Auch Obdachlose sind Menschen wie du und ich"
Eigentlich wollte er mit 40 Jahren Millionär sein. Doch seitdem Nicolai Maschmann seinen Zivildienst im Aufnahmehaus für Obdachlose in Ludwigsburg absolviert, "juckt mich der Gedanke an viel Geld keinen Deut mehr," sagt der 22-Jährige aus Sachsenheim. "Andere Dinge sind mir wichtiger geworden, beispielsweise ein guter Job und meine Kumpels."
Als Nicolai Maschmann vor der Frage stand, wo er seinen Zivildienst leisten sollte, war klar: Er wollte mit Menschen arbeiten. Durch Zufall hörte er von der freien Stelle im Aufnahmehaus, das zur Ludwigsburger Wohnungslosenhilfe gehört. Bald war alles klar, er konnte mit seinem Zivildienst beginnen. "Putzen, mit den Leuten reden, Zaun streichen, an der Pforte Leute empfangen, Müll rausbringen, dem Hausmeister helfen und einfach da sein für die Leute, wenn sie jemanden zum reden brauchen," so umreißt er seine Tätigkeit. Kurz: Machen, was ansteht. Seine Arbeitszeit geht von 9 bis 17 oder von 11 bis 19 Uhr, etwa einmal im Monat hat er drei Stunden Wochenenddienst.
Die Bewohner des schönen Backsteinhauses in Ludwigsburg sind Obdachlose, die vorübergehend hier ein Zuhause gefunden haben, um mit festem Wohnsitz den Absprung in ein normales Leben zu wagen. 17 Plätze in fünf Wohngruppen gibt es, außerdem ein paar Notübernachtungsplätze. Neben Nicolai Maschmann arbeiten im Haus noch drei Festangestellte, außerdem einige Ehrenamtliche und Aushilfen. Ansprechpartner Nummer eins ist Hausleiter Hermann Weckauff. "Ich habe viel von ihm gelernt und respektiere ihn sehr," sagt Maschmann. Aber auch zu den Hausbewohnern hat er ein gutes Verhältnis. "Ich hatte ein ganz falsches Bild von den Menschen," gesteht er. "Ich dachte: das sind Penner, immer zugetrunken, bringen keinen gescheiten Satz zustande. Aber auch Obdachlose sind Menschen wie du und ich. Nur lief bei denen irgendwann etwas sehr schief." Mit ein paar wenigen hat er sich angefreundet. Zu diesen will er auch nach seinem Zivildienst Kontakt halten.
In seiner Freizeit legt Nicolai Maschmann als DJ Platten auf und programmiert Internetseiten. Außerdem fasziniert ihn der Weltraum. Für ihn ist der Berufswunsch nun klar: Er will das Abitur und danach eine Ausbildung zum Physikalisch Technischen Assistenten machen. Und eventuell später Mathematik oder Physik studieren. Zahlen sind seine Leidenschaft. "Hier, im Aufnahmehaus für Obdachlose habe ich meinen Charakter weiter gebildet und Grundwerte wie Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Menschlichkeit schätzen gelernt." Und was rät er seinem Nachfolger? "Die Dinge diplomatisch anpacken und einen langen Atem zeigen. Und immer in die Bettkästen schauen, ob sie alle Flaschen entsorgt haben. Sonst musst du das machen," sagt er verschmitzt.
Zivi mit Farbtopf und Pinsel
"Wenn's hier keine Zivis gäbe, das ginge gar nicht. Wir reparieren und malern, wir mähen den Rasen, schneiden die Hecke, halten das Gelände sauber und dann gibt´s natürlich noch die Landwirtschaft, die Tiere und den Fahrdienst für die Kinder." Von Langeweile kann für Martin Linckh im Kinderheim Hoffmannhaus in Korntal keine Rede sein.
Morgens um 7:30 geht’s los, die Kinder werden zur Schule abgeholt. Ein verantwortungsvoller Job. Hinten im Wagen wuselt es wie in einem Sack voller Flöhe, und den Verkehr muss man bei all dem Trubel auch noch im Griff haben. "Am Anfang tanzen die Kids einem schon auf der Nase herum, aber das gibt sich. Wenn man sie mal näher kennen lernt, mit ihnen quatscht oder Fußball spielt, dann kriegen sie schon Respekt vor einem, und manche werden auch richtig anhänglich." Acht Monate ist Martin Linckh bereits Zivi im Kinderheim. Sozialer sei er geworden, meint der 20-Jährige nachdenklich. Aber manchmal, das gibt der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann zu, da sei er schon etwas sauer auf die Kids. "Gerade ist etwas repariert, und eine Stunde später haben sie es schon wieder kaputt gemacht, das ärgert mich. Aber dann denke ich mir: die können eigentlich gar nichts dafür, da sind doch die Eltern meist schuld."
Nicht nur im Umgang mit den meist verhaltensauffälligen Kindern hat Martin Linckh viel dazu gelernt, auch handwerklich ist der Zivildienst eine lehrreiche Zeit. Autos müssen repariert, Wände gegipst, Wände gestrichen oder Stühle zusammengeleimt werden. "Natürlich ist es kein Faulenzerleben und man bekommt manchmal auch schmutzige Hände, aber das ist doch eine Arbeit, die anderen nützt. Das ist allemal sinnvoller als beim Bund seine Zeit abzusitzen." Die meisten seiner Kollegen sehen das genauso.
Insgesamt fünf Zivis leisten momentan ihren Dienst im Kinderheim Korntal. Der Kontakt untereinander und zu den anderen Mitarbeitern ist gut. Ziemlich locker und witzig gehe es zu, sagt Martin Linckh. Nur in der gemeinsamen Zivi-Küche, da sei es manchmal etwas chaotisch: "Bei fünf männlichen Gestalten sieht´s da nicht so toll aus, aber wenn gar kein Geschirr mehr da ist, dann spült man halt."
Martin Linckh hat sich ganz bewusst für den Zivildienst und gegen die Bundeswehr entschieden. Schießen lernen, das wollte er nie. Wichtig war auch die Möglichkeit, jeden Tag nach Dienstschluss nach Hause fahren zu können. Denn der Landwirtssohn wird am Abend dringend auf dem elterlichen Hof gebraucht. Und seine Freundin kann Martin so auch viel öfter sehen.
"Gute Nerven braucht man schon!"
"Jeder Tag ist ganz anders, je nachdem, wie die Leute drauf sind, aber eigentlich ist es immer ganz lustig." So beschreibt Sascha Neef seine Zivi-Stelle in einem Altenpflegeheim Haus Laurentius in Schönaich. Er arbeitet dort auf einer Station, die speziell für Demente eingerichtet wurde. "Ich wusste anfangs nicht einmal, was das Wort 'dement' bedeutet", gesteht der junge Mann grinsend. " Doch jetzt, nach acht Monaten ist er zwangsläufig schlauer. "Demenz heißt: Das Gehirn verabschiedet sich langsam, aber auf der Gefühlsebene kriegen die Leute noch alles mit."
Als Zivi hilft er den Bewohnerinnen und Bewohnern der Station bei alltäglichen Dingen wie Anziehen, Duschen, beim Betten machen oder Spazieren gehen, denn Demente werden aufgrund ihrer Krankheit, unter die auch Alzheimer fällt, immer unselbstständiger. "Wir unterhalten uns, machen Späßchen und die Kommentare von den zehn Leuten hier sind oft witzig", meint der 20-Jährige, der gerne Judo, Tennis und Fußball spielt und am Wochenende ausgeht. Seine Arbeit sei körperlich nicht so anstrengend wie auf anderen Pflegestationen, "aber gute Nerven braucht man manchmal schon – besonders bei den Mahlzeiten!" Demente können oft nicht still sitzen. "Wenn der Teller nicht schon gefüllt dasteht, dann stehen die beim Essen einfach wieder auf. Manche müssen wir auch beim Essen helfen, weil sie verlernt haben, wie das geht", sagt Sascha.
Musik und Singen – das ist ganz besonders wichtig für die Leute. "Wir tanzen auch manchmal", berichtet Sascha und die alten Damen, die ihm oft überall hin folgen, lächeln und nicken. Hasen und Vögel gibt es hier, viele Pflanzen, zum Teil alte Möbel, die die Leute noch aus ihrer Jugend kennen. Im Haus Laurentius versuchen die Mitarbeiter eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen und auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen. Das geht zum Teil ganz schön weit: "Oft sagen die Leute: 'Ich muss jetzt zum Bus!' und deswegen haben wir das hier eingerichtet" sagt Sascha und zeigt auf die Parkbank, die in der sonnigsten Ecke des Gartens neben einem gelben Schild mit grünem "H" steht – eine "richtige" Bushaltestelle...
"Ich wäre zuerst lieber Hausmeister-Zivi geworden. Aber ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist. Es ist eine echt gute Lebenserfahrung, die ich hier mache", ist sich Sascha Neef sicher. "Man kriegt mit, was mal im Alter sein könnte." Eine Voraussetzung sollte man seiner Meinung nach für einen Job im Altenpflegeheim jedoch erfüllen: "Man darf nicht kontaktscheu sein, man muss gerne mit Menschen zusammen sein. Ich kann den Job aber auf jeden Fall weiterempfehlen."
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